Bisher sind Cannabinoide meist als potenzielles Suchtmittel und illegale Rauschdroge wahrgenommen worden. Doch im medizinischen Kontext entfalten Cannabinoide ebenfalls beachtliche Wirkungen – zum Beispiel im endocannabinoiden System, kurz ECS. Dabei handelt es sich um ein äußerst komplexes Netzwerk von innerkörperlichen Signalgebern, die zahlreiche Effekte im Körper anstoßen, beeinflussen und ausbalancieren können.

Verschiedene Studien haben sich bereits mit unterschiedlichen Aspekten dieses komplexen Systems befasst. Es ging dabei um die Wirkung auf den Appetit oder die metabolische Gesundheit, die Blutzuckerregulation oder die Schmerzwahrnehmung, die Thermoregulation oder die Wirkung auf oxidativen Stress innerhalb dieses Systems. Einer der interessanten Effekte, die Cannabinoide im Körper beeinflussten, sind die immunologischen Prozesse. In diesem Umfeld sind therapeutische Wirkungen des endocannabinoiden Systems zu verzeichnen. Manche Forscher sprechen diesbezüglich von der immuno-cannabinoiden Modulation. In simplen Worten formuliert, kann das endocannabinoide System bei der Regulierung und Anpassungsfähigkeit der Immunfunktionen hilfreich sein. Es beeinflusst die Funktion des Immunsystems ebenso wie seinen Tonus oder seine immunologischen Einflussnahmen.

Zwar sind noch nicht alle immunmodulatorischen Aspekte des ECS hinreichend untersucht, aber es gibt bereits einiges an Fakten, was wir kennen. Einige Cannabinoide sind in der Lage, in der optimalen Dosis entzündliche Prozesse bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen zu beeinflussen. Solche Effekte beträfen etwa Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson, Arthritis oder Lupus erimatodes. In diesem Zusammenhang ist Cannabidiol erstaunlich wirkungsvoll. Zweitens spielen Cannabinoide eine einflussreiche Rolle bei der Modulation neurodegenerativer und neurogenetischer Prozesse. Die Ergebnisse verschiedener Studien zeigen, dass Cannabinoide im Tierversuch positive Effekte bei Schlaganfällen, Kopfverletzungen, zerebraler Ischämie oder ähnlichen Zuständen zeigen. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass das Immunsystem bei vielen dieser neurodegenerativen und neuroentzündlichen Prozesse eine entscheidende Rolle spielt.

Cannabinoide Rezeptoren und Neurotransmitter

Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass all diese immunmodulatorischen Einflüsse das Resultat zahlloser kleiner Impulse sind. Es handelt sich geradezu um eine Kaskade von koordinierten Reaktionen sowohl des angeborenen Immunsystems, als auch des lern- und anpassungsfähigen Immunsystems. Unser Immunsystem besteht aus einem riesigen Netzwerk von unterschiedlichen Immunzellen. Dieses Netzwerk reagiert auf Impulse verschiedener Instanzen. Es interagiert mit Hormonen oder Zytokinen. Dabei nehmen einige Rezeptoren die Rolle eines Türschlosses ein, während die Zytokine oder Hormone diese Schlösser knacken oder entsperren können.

Die Abwehrkraft, die durch diese Zellen vermittelt wird, ist im adaptiven Immunsystem eine der Schlüsselkomponenten. Sie reagiert durch den Einsatz spezialisierter T-Zellen und natürlicher Killerzellen. So können pathogene Keime, von Viren infizierte Zellen oder Tumorzellen, die als körperfremd erkannt werden, aufgespürt und neutralisiert werden. Das zellvermittelte System wird durch die humorale Immunität ergänzt. Durch den Einsatz von B-Zellen und die Entwicklung von Antikörpern können Antigene oder körperfremde Erreger ausgeschaltet werden.

Das Entstehen von Krankheiten und Fehlfunktionen basiert auf einer mangelnden Balance zwischen der zellbezogenen und der humoralen Immunität. Multiple Sklerose, um ein Beispiel zu nennen, ist eine Autoimmunerkrankung. Bei dieser Erkrankung richtet sich das hyperaktivierte zellbezogene Immunsystem gegen das eigene Gehirn und das Nervensystem seines Besitzers – gerade so, als wären diese körperfremd. Interessanterweise haben Forscher herausgefunden, dass das ECS und die Cannabinoide eine wichtige Rolle dabei einnehmen könnten, die fehlende Balance wieder herzustellen. Sie harmonisieren die verschiedenen Komponenten und Arbeitsinstanzen des Immunsystems.

Naturgemäß argumentieren nun einige Menschen, dass schwerer und chronischer Genuss von gepanschtem oder selbst angebautem Marihuana verheerende Effekte auf die Gesundheit haben kann. Jedoch haben die Wissenschaftler, die die Wirkungen des ECS auf das Immunsystem, auf inflammatorische bzw. neuroinflammatorische Prozesse oder Autoimmunerkrankungen auslösende Prozesse studieren, bemerkenswerte Nutzeffekte bei Einsatz von natürlich vorkommenden oder endogen hergestellten Cannabinoiden festgestellt.

Verschiedene Phyto-Cannabinoide aus der Cannabispflanze – sogar jene aus der landwirtschaftlich genutzten Hanfpflanze – zeigen ein enormes Potenzial, wenn es um die Herstellung oder Wiederherstellung der Balance im Immunsystem geht. Man geht davon aus, dass die medizinischen Fachbücher über kurz oder lang umgeschrieben werden müssen, wenn erst einmal die komplizierte Plastizität von Cannabinoid-Verbindungen, Cannabinoid-Rezeptoren und den Enzymen, die diese synthetisieren, hydrolisieren und verarbeiten, verstanden wurde. Dabei spielt auch das Verständnis der komplexen Interaktion von Signalen und Impulsen mit anderen Organsystemen eine wichtige Rolle.